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John Grant

Der US-Amerikaner John Grant verbrachte einen Großteil seiner 51 Lebensjahre in einem Zustand, den man vielleicht mit „ganzheitlichem Nomadentum“ beschreiben kann. Gemeint ist hiermit: Nicht nur geografisch, sondern ebenso künstlerisch, emotional und intellektuell. Bereits während seiner Zeit als Sänger, Songwriter und Kopf der in Denver/Colorado ansässigen, dunklen Alternative-Folk-Band The Czars reiste er um die Welt, um seine Leidenschaft fürs Polyglotte immer weiter vertiefen zu können (heute spricht er mindestens fünf Fremdsprachen nicht nur fließend, sondern teils annähernd akzentfrei). Fünf Alben nahm er mit dem Quintett zwischen 1994 und 2004 auf, keines schlecht oder konventionell, aber manchmal etwas gewöhnungsbedürftig in der gesamten Ästhetik. Wohl auch deshalb kam die Band über den Status hoch geschätzter Kritiker-Lieblinge nie hinaus. Nachdem sich The Czars 2004 auflösten, kehrte Grant der Musik für einige Jahre den Rücken zu. Er ordnete sein deutlich vom Rock’n’Roll-Lifestyle beeinflusstes Leben neu, bekannte sich zu seiner Homosexualität und nutzte die gewonnene Freiheit, um immer wieder umzuziehen. Er lebte in New York, London, Paris und Berlin, wo er einige Zeit als Übersetzer arbeitete. Es vergingen sechs lange Jahre, bis Grant (s)einen Weg zurück zur Musik fand – als überzeugter Solokünstler, umgeben von einem festen, vertrauenswürdigen Team, das seine Songdramen nach seinen Regievorgaben minutiös und perfekt inszenierte.

Schon sein Solodebüt „Queen Of Denmark“ nahm er in fester Begleitung der US-Indieband Midlake auf, das weltweit für seine Tiefe, gefährliche Dunkelheit und melodiöse Außergewöhnlichkeit gefeiert wurde. So erklärte das britische Mojo Magazin das Album zum besten des Jahres und auch die Leser des Guardian wählten es in die Top 10 der Jahresbestenliste. Zahlreiche weitere Ehrungen und Preise folgten. Daraufhin avancierten Grants Tourneen zum Geheimtipp unter Musikkennern, denn live erlebt man einen tiefgründigen, feinsinnigen Künstler, der mit einer außergewöhnlichen Stimme gesegnet ist.

Seit diesem ersten Soloalbum kann man sagen: In der zeitgenössischen Musik wagen nur selten arrivierte Künstler derart radikale Schritte in neue, unerwartete Richtungen, wie John Grant es fast regelmäßig tut. So experimentierte er nach seinem schwerelos ätherischen Solodebüt auf seinem zweiten Album „Pale Green Ghosts“ in seiner damals neu entdeckten Wahlheimat Reykjavik mit Elementen des 80er-Synthie-Pop ebenso wie mit Clubsounds. Beide Aspekte verband er auf homogene und aufregende Weise mit seinen samtenen Indie-Edelpop-Balladen, in denen er tiefe Einblicke in seine polarisierende, zuweilen auch für ihn unberechenbare Nomadenseele erlaubte.

Moment mal: Seelenstriptease zu 80er-Synthies? Clubbeats basteln in Island? Und ein zwanghaft Nomadisierender, der ausgerechnet im völlig abgelegenen und fast immer kalten Reykjavik plötzlich ein Gefühl von Heimat und Zuhause findet, das sogar bis heute besteht? „In Island fühle ich mich endlich sicher“, versucht er zu begründen. „Und werde dadurch auch immer sicherer in dem, was ich künstlerisch formulieren möchte.“ Als er 2011 erstmals während eines Gastspiels auf dem Soundwave-Festival in Island weilte, ging es noch mehr ums Experimentieren als ums Formulieren. Durch das Festival lernte er den Musiker und Produzenten Birgir Þórarinsson a.k.a. Biggi Veira kennen, der mit seiner Formation Gus Gus seit über einem Jahrzehnt die globale Clubmusik beeinflusst.

Die beiden nahmen spontan zwei Songs auf, was Grant dazu inspirierte, sein zweites Album mit Veira einzuspielen. Dadurch wurde er erst vom Besucher zum Dauergast und entschied sich letztendlich, seinen Wohnort nach den außergewöhnlichen Albumaufnahmen ganz nach Island zu verlegen. Mit aufregenden Gastmusikern entstand dort ein ungewöhnliches Kunstwerk, das kompositorisch noch immer im Indie verankert war, in seiner Ausgestaltung und klanglichen Dramaturgie aber einen starken elektronischen Einschlag aufwies. Es war schwerelos und kaum benennbar irgendwo dem Retro-Synthie-Simmern der 80er und hyperfuturistischen Elektrosounds im Stile Trentemøllers eingehakt. So eigensinnig ging es auch weiter: Ebenso sein drittes Album „Grey Tickles, Black Pressure“ geriet 2015 wieder zu einem sehr individuellen Einzelstück, welches sich kaum mit anderen Werken vergleichen lässt. Dies empfanden auch viele Fachleute so: So wählte es das Mojo Magazin erneut unter die Top 5. Die legendäre Plattenladen-Kette ‚Rough Trade’ kürte es sogar zum wichtigsten Album des Jahres. Auch global betrachtet findet man John Grant mit jeder neuen Platte immer weit vorne in bald allen renommierten Jahrespolls, von der Musikpresse über die Hochkultur des Feuilletons bis hin zu Modemagazinen – und zwar stets völlig zu Recht. Denn John Grant ist eben wirklich ein unerbittlich, um das Optimum ringender Künstler, wie es keinen zweiten gibt.

Dies bewies er auch im Rahmen seiner letzten Aktivitäten: Neben Gastauftritten auf den Platten solch gegensätzlicher Künstler wie Elbow, Vessels, Robbie Williams und Susanne Sandfør erschien im März 2018 mit „Mr Dynamite“ zunächst das Debüt seines Seitenprojekts Creep Show, einer Kollaboration mit den drei Musikern von der Formation Wrangler zwischen surrealem Funk und abstrakter Popkunst. Ein halbes Jahr später folgte dann sein viertes, bislang letztes Album „Love Is Magic“, wobei der Titel ebenso gut Programm sein könnte für ausnahmslos jeden Klang und jedes Wort seines Inhalts. Denn ja, Liebe kann durchaus so eigensinnig sein, wie Grants Kompositionen unverwechselbar klingen.


2020-04-21 Köln Gloria-Theater | Tickets |