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Kai Schumacher Konzertkarten

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Kai Schumacher

Kai Schumacher „Rausch“

Es gibt nicht viele klassische Musiker, die auf ihrem Facebook-Account ein Berliner Electro-Punk-Album aus dem Jahre 1993 empfehlen. Oder den 25sten Todestag von Grunge-Mastermind Kurt Cobain mit einem Link zu dessen Schlüsselsong „Lithium“ begehen. Ob Atari Teenage Riot oder Nirvana; der Pianist Kai Schumacher bewegt sich stilsicher und kenntnisreich in den Gefilden der populären Musik.

Schumacher schätzt progressive Ansätze, käme jedoch nie auf die Idee starre Grenzen zwischen Pop und Avantgarde zu ziehen. Seit 2009 hat er vier Solo-Alben veröffentlicht. Darunter „Transcriptions“ von 2012, auf dem er Grunge- und Indierock-Songs für das Klavier übersetzte. Auf „Rausch“ liegt der Fokus nun erstmals durchgängig auf eigenen Kompositionen. Dabei verzichtet Schumacher auf Overdubs, überhaupt kommt keinerlei Elektronik zum Einsatz. Stattdessen hat er sein Instrument analog präpariert, also die Mechanik und Saiten des Klaviers dahin gehend manipuliert, dass ganz bewusst „schräge“ Töne entstehen.

Bereits die Wortwahl der acht Tracks sprengt das gängige Format. Songtitel wie „Kantholz“ oder „BRNFCK“ würde man eher in Metal- oder Techno-Gefilden vermuten. Wie überhaupt „Rausch“ als Albumtitel ganz bewusst Mehrdeutigkeiten zulässt. Geht es um den Exzess? Soll die nüchterne Alltagswelt durch die Musik verschwimmen? Befinden wir uns beim Hören in einem Zustand sinnlicher Übersteigerung? Kai Schumacher bringt die Verhältnisse zum Tanzen, lässt sie schweben, spielt ein Spiel mit der akustischen Wahrnehmung. Das alles mit einem „kaputten“ Klavier…

Er begibt sich mit „Rausch“ (wieder) in ein künstlerisches Grenzgebiet. „Ich bin mir durchaus bewusst, dass Crossover-Ansätze in der Klassik gerne mal nach hinten losgehen. Doch ähnlich wie im Pop ist der Fusion-Gedanke nicht per se falsch. Der 1993er-Soundtrack zum US-Thriller „Judgement Night“ etwa hat bewusst HipHop-und Rock/Grunge-Bands zusammengebracht. Slayer und Ice-T, DeLa Soul und Teenage Fanclub oder Pearl Jam und Cypress Hill. Für den Moment ein super spannendes Experiment.“ Später, sagt er, seien ähnliche Projekte in der Klischee-Falle gelandet. Schumacher weiß aus Erfahrung, dass es nicht nur um virtuose Spiel- oder Kombinationstechnik geht. Es geht um Haltung, Stilwillen und ein Gespür für das Momentum.

„Ich habe standesgemäß früh mit dem Klavierspiel angefangen und als Teenager bereits das zweite Schostakowitsch-Konzert mit Orchester gespielt. Doch das fiel in eine Phase, wo alles andere interessanter gewesen ist, als jeden Tag auf weißen und schwarzen Tasten zu üben“, blickt er zurück. Aufgewachsen im Südwestdeutschen. Ein Jugendzentrum in der Nähe von Baden Baden, Konzertbesuche in Karlsruhe. Punk. Hardrock. Guns N`Roses. Experimente mit eigenen Bands zwischen 16 und 18. „Für mich war immer wichtig, dass Musik einen eigenen, zeitgemäßen Ausdruck hat und auch politisch Stellung beziehen kann, wenn sie denn will. Das hat mich an der formalen Rezeption in der Klassik auch immer gestört. Letztlich wird durch die möglichst perfekte Aufführung das kreative Moment im musikalischen Werk zerstört. Quasi zu Tode geübt“, sagt er und muss ein wenig grinsen. Im Angedenken an tausende Stunden mit Trainings-Sessions, die er selbst hinter sich gebracht hat.

Auf der Papierform hat Schumacher ohnehin den geraden Weg einer klassischen Ausbildung genommen. Nach der städtischen Musikschule besucht er die Folkwang-Hochschule in Essen, die er 2009 in der Meisterklasse von Professor Till Engel abschließt. Mit Auszeichnung und Lametta. Der Bayrische Rundfunk (BR) nennt ihn schon bald „Punk-Pianist“. Schließlich wagt sich Schumacher bereits in seinem Abschluss-Jahr mit einer Album-Einspielung an eine Ikone der Moderne: „The people united will never be defeated“ von Frederic Rzewski. In diesem Zyklus wird das chilenische Revolutionslied „El pueblo unido jamas sera vencido“ vielfach variiert. Ein klares Statement von Schumacher, der auf die gesellschaftliche Dimension auch in der Klassischen Musik pocht. „Es ist zwar weithin bekannt, dass viele klassische Werke zu ihrer Zeit kontrovers, skandalös und politisch umstritten gewesen sind. Doch das wird im heutigen Betrieb oft genug ausgeblendet“, sagt er.

Auf „Rausch“ dockt Schumacher mit Energie und Verve an die Jetztzeit an. Bereits in früheren Jahren hat er sich intensiv mit Minimalisten wie Philip Glass, mit Steve Reich oder John Cage beschäftigt. Sein 2017er Album „Beauty In Simplicity“, auf dem er durch Ambient- und Postrock-Gefilde streifte, kann durchaus als Ouvertüre zum neuen Album gehört werden. „Als ich das `Simplicity`-Konzert in der Elbphilharmonie spielte, war der Kompositionsprozess zu `Rausch` schon weitgehend abgeschlossen. Somit war die erste Hälfte dieses Jahres für mich eine musikalische Übergangsphase. In Hamburg ging es noch um Stücke von Erik Satie und Steve Reich, die ich mit Bearbeitungen von Songs der Berliner Elektro-Band Moderat kombiniert habe.“ Schumacher verweist auch auf das Gemeinschafts-Projekt „Six Pianos“, bei dem er mit Kollegen wie Gregor Schwellenbach, John Farah oder Daniel Brandt und Paul Frick (von BrandtBauerFrick) Musik von Steve Reich mit Kompositionen der beteiligten Musiker verbindet. Außergewöhnliche Live-Auftritte, die neben seinen bisherigen Arbeiten als Solo-Künstler stehen. Nun beginnt mit der Veröffentlichung von „Rausch“ – er feiert im November 2019 seinen 40sten Geburtstag – eine neue Phase seiner Karriere.

Die Aufnahmepraxis der bereits in vielfältigen Fragmenten bestehenden „Rausch“-Motive hat Schumacher im Ruhrgebiet mit Studioingenieur und Sounddesigner Jonas Gehrmann, seinem langjährigen, musikalischen Partner bestritten. Das Industrierevier mit seinen proletarischen Wurzeln sowie der bodenständigen und wenig glamourösen Aura ist für ihn zum geschätzten Resonanzboden seiner Arbeit geworden. „Es besteht jedenfalls keine Gefahr, dass man sich nur noch in einer Szene-Blase bewegt. Der `Reality Check` jeder Kunstproduktion beginnt dort, wenn man die Haustür schließt und zur Arbeit fährt“, so Schumacher. „Instrumentale Musik kann ja Botschaften nur über die Intensität der Musik vermitteln. Somit habe ich die Stücke auf `Rausch“ entsprechend formuliert“. Etwa bei „Kantholz“, das auf eine (vermeintliche) Attacke auf den Politiker Frank Magnitz abhebt. Das AfD-Mitglied sprach in seiner Pressemitteilung von Verletzungen, ausgelöst per „Kantholz“. Eine voreilige Behauptung, welche die Untersuchung der Polizei später so nicht bestätigen konnte. „`Rausch` ist somit eine Momentaufnahme, die man nicht unbedingt mit Klaviermusik verbindet“, sagt Schumacher. Ein konsequentes Statement in der modernen Klassik. Ein Bekenntnis zur Musik auf der Schwelle zu den neuen „Zwanziger Jahren“.


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